Zentrales Thema im Werk von Nikolaus Schletterer sind die komplexen Prozesse unserer Wahrnehmung und die damit verbundene Konstruktion von Realität. Der Akt des Sehens ist kulturell geprägt – unsere Sehgewohnheiten folgen einer eingeübten Tradition des Blicks, an die sich Vorstellungen und Emotionen knüpfen. Doch in einer Zeit allgegenwärtiger, manipulierter und künstlich erzeugter Bilder verschwimmen die Grenzen zwischen Realem und Virtuellem zunehmend. Diese Verschiebungen stehen im Fokus von Schletterers künstlerischer Beobachtung.
In seiner aktuellen Serie richtet er den Blick auf die weltweit derzeit 33 Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohner:innen – urbane Gebilde, die im Zuge globaler Entwicklungen mit besorgniserregender Geschwindigkeit wachsen. Die ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen dieses Wachstums sind kaum zu fassen; architektonisch entstehen Strukturen, die wuchern, sich vervielfältigen und sich einer übergeordneten Ordnung entziehen.
In Schletterers digitalen Collagen verwandeln sich diese Monsterstädte in abstrakte Formgefüge, die an ornamentale Teppichmuster erinnern. Ausgangspunkt sind mehrfach bearbeitete Satelliten- und Luftaufnahmen, die durch Spiegelungen und digitale Überlagerungen arabeskenähnliche Farbstrukturen ergeben. Wie Rorschach-Faltbilder eröffnen sie vielfältige Assoziationen – von Kartografie und ornamentaler Fläche bis zu den ästhetischen Oberflächen von Computerspielen oder den Rasterbildern moderner Überwachungssysteme. So thematisieren Schletterers Arbeiten nicht nur urbane Dynamik, sondern auch die visuelle Logik einer Welt, in der Wahrnehmung zunehmend digital vermittelt ist.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Textbeiträgen von Susanne Gurschler und Silvia Höller.